Gedanken über Fotografie – Stefan Löber

Verfluchte Äquivalenz! Ist f/1.2 gleich f/1.8?

Des Fotofreundes liebste Beschäftigung ist die Diskussion um Technikfragen. (Man beachte: Auf die geschlechtsneutrale Formulierung wurde bewusst verzichtet!)

Und seit es so viele verschiedene Sensorgrößen gibt, ist dieser Tech-Talk besonders lustig.  Es gibt ja auch so wahnsinnig viele Angriffspunkte für leidenschaftliche Diskussionen: Freistellungspotential, Auflösung, Low-light-Eignung, Gewicht, Preis usw…  Und wenn es nicht nur um die Kameras und den darin verbauten Sensor, sondern zusätzlich um die zu verwendenden Objektive geht, wird es gleich nochmal so spannend…

Welche Auswirkung hat die Sensorgröße auf die Eigenschaften des Objektives? Eine spannende Frage, deren Beantwortung unzählige Stunden youtube-Videos, Forumsbeiträge und „Fachartikel“ füllt. Dabei könnte die Antwort nicht einfacher sein: KEINE! Wie auch? Der Sensor sitzt hinter dem Objektiv. Wie soll er dessen Eigenschaften auch beeinflussen? Brennweite, größtmöglich Blendenöffnung, Bildkreis, Lichtverlust durch Streuung usw. sind Parameter, die völlig unabhängig davon sind, welche (und ob überhaupt) eine Kamera hinter dem Objektiv sitzt.

Trotzdem scheint ja das Bildergebnis ein anderes zu sein, je nachdem, ob das Objektiv z.B, vor einer Nikon D750 (KB-Sensor) oder einer D7100  (Crop-Sensor) montiert ist. Dies hat allerdings einzig damit zu tun, dass ich unterschiedliche Ausschnitte des durch die Linsen fallenden Lichtes betrachte. Um dies zu berücksichtigen, wurde das Wort „Äquivalenz“ in die Diskussion eingebracht. Für den Bildwinkel ist dies noch relativ einfach, auch wenn meist statt Bildwinkel die Brennweite herangezogen wird. Dies ist strenggenommen natürlich falsch (die Brennweite ist ja ein Objektivparameter), aber (fast) jeder weiß zumindest, was gemeint ist.

Komplizierter wird die Sache bei der Umrechnung der Blende. Genauer gesagt der größtmöglichen Blendenöffnung. Zahlreiche prominente „Fotogurus“ werden nicht müde zu betonen, dass man bei APS-C- oder MFT-Objektiven neben der Brennweite (sic!) auch die Lichtstärke (als maximale Blendenöffnung) umrechnen muss. Ein für MFT gerechnetes 25mm f/1.8 Objektiv entspräche demnach einem 50mm f/3.6 KB-Äquivalent. Aber stimmt das?

Ja und nein. Wenn wir über Bildwinkel und Schärfentiefe (bei gleichem Bildausschnitt) sprechen, stimmt dies. Aber die maximale Blendenöffnung bestimmt ja auch die Lichtstärke, d.h. wie viel Licht pro  Fläche auf den Sensor fällt. (Zumindest wenn wir die Lichtverlust durch Streuung außer Acht lassen.) Und selbstredend hat ein 25mm f/1.8 Objektiv für MFT die gleiche Lichtstärke wie ein 50mm f/1.8 KB-Objektiv. Per definitionem!

Tatsächlich erkennt aber nicht jeder die Gesetze der Physik an. Klingt komisch, ist aber so. Fotofreund Amar Talwar veröffentlichte jüngst ein Video auf youtube, in dem er den (in seinen Augen) ultimativen Beweis antritt, dass ein Fuji 56mm f/1.2 (am APS-C Sensor) nur die Lichtstärke eines Canon 85mm f/1.8 (am 35mm-Sensor) besitzt. Wer sich überzeugen möchte, wie Amar die Naturgesetze außer Kraft setzt, möge HIER klicken.

Der Versuchsaufbau ist recht simpel. Amar misst mit der jeweiligen Kamera/Objektiv-Kombination die Belichtung bei Fokussierung auf einen Ausschnitt seines Büroregals. Bei gleich eingestellten ISO-Werten an der Fuji- und Canon-Kamera sagen ihm die Displays, dass die beide Kameras eine Belichtungszeit von 1/250 sek. (bei gleichem ISO-Wert) vorschlagen. Und das, obwohl das Fujinon bei Blende 1.2, das Canon aber nur bei 1.8 steht. Magic!!

Selbstredend hat unser Foto-Esoteriker auch die passende Erklärung parat: „When you have a bigger sensor, the light gathering capabilities of that same exact focal length of that lens changes quite a bit.“ Sprich: Sitzt ein größerer Sensor hinter dem Objektiv, sammelt dieses mehr Licht. Da ist wohl Telepathie im Spiel. Im weiteren Verlauf seiner Auslassungen verschwimmt die Aussage wieder etwas. Es ist am Ende nicht klar, ob der Sensor dem Objektiv übermittelt, wie viel Licht es durchlassen soll, oder ob es an der Tatsache liegt, dass es sich per se um ein Vollformatobjektiv handelt (also einen größeren Bildkreis abdeckt). In jedem Fall ist Amar von seinem Beweis felsenfest überzeugt. Seinen Kritikern gibt er zumindest folgendes auf den Weg: „If you still want to argue, go ahead, you have no clue what you are talking about.“

Mich hat er selbstredend überzeugt. Ich nehme hiermit Abschied von der irrigen Vorstellung, dass nur durch Belichtungszeit, Blendenwert und Sensor/Filmempfindlichkeit die Belichtung gesteuert wird. Allerdings suche ich bei meinem Handbelichtungsmesser noch immer die Einstellfunktion für die Sensorgröße… Sekonic: please update!

PS: Woran lag’s nun, dass Amar die gleichen Belichtungszeiten angezeigt wurden? Tja, Fujis ISO200 ist halt leider nicht Canons ISO200. Und F-Stop ist nicht gleich T-Stop.

 

 

 

 

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