Gedanken über Fotografie – Stefan Löber

One roll of film challenge

von Stefan Löber

In Zeiten der Digitalfotografie und des nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehenden Speicherplatzes fühlt fast niemand mehr die Notwendigkeit, seinen Auslösefinger unter eine strenge Kontrolle zu stellen. Von einem Wochenendtrip nach Barcelona oder Prag kehrt der Hobbyfotograf gerne mit 500-1.000 Bildern zurück, die im Nachgang mühsam auf eine leichter verdauliche und präsentable Zahl einkondensiert werden müssen. Getreu dem Motto „spray & pray“ finden sich dabei oft bis zu zehn Varianten des gleichen Motivs auf der Speicherkarten. Desweiteren jede Menge „random shots“, die eigentlich direkt nach der (missglückten) Aufnahme hätten gelöscht werden müssen.

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Was wäre nun, wenn dem Fotograf nur eine einzige Rolle Kleinbildfilm zur Verfügung gestanden hätte? Sicher wären die „Klicks“ nicht so gedankenlos ausgelöst worden. Schafft es der Digicam-verdorbene Knipser überhaupt noch, wie in alten Zeiten vor jedem Bild inne zu halten und Motiv, Komposition und Bildaussage kritisch zu hinterfragen.

Die vom Autor initiierte One Roll of Film Challenge soll das zeigen.

Hierbei wurden folgende Regeln festgelegt:
Jeder Teilnehmer bekommt eine Rolle  Schwarzweißfilm (Kleinbild) und einen Monat Zeit. Danach entwickelt und scannt der Autor den Film (ink. Kontaktabzug) und stellt die Bilder bei flickr.com aus. Jeder Teilnehmen bekommt dort ein Album mit seinen 36 Aufnahmen. Keine Auswahl, kein „best of“.  Alle 36 Bilder der Filmolle werden gezeigt.
Der Initiator ging mit gutem Beispiel voran und nahm sich im November 2014 als Erster eine Rolle Tmax 400 vor. Schnell wurde dabei klar, dass das vorgegebene Zeitlimit von einem Monat wenig Freiraum lassen würde. Als 8-18 Uhr Arbeitnehmer bleibt zum Fotografieren bei Tageslicht im Spätherbst nunmal nur das Wochenende.

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Als Familienvater schrumpft das Wochenende dann nochmals deutlich zusammen, sodass jede sich bietende Gelegenheit genutzt werden musste.

Zum Einsatz kam eine Olympus OM2. Die meisten Bilder wurden dabei mit dem „work horse“ Zuiko 1.4/50mm gemacht. Der Rest erledigte das Zuiko 2.8/35mm.

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Der Umgang mit der Analogtechnik bereitete keine besonderen Schwierigkeiten. Im Gegensatz zu anderen Challenge-Teilnehmern waren dem Autor die Abläufe vertraut. Allerdings erzeugte der Anspruch, möglichst keinen Ausschuss zu produzieren, doch einen gewissen Nervenkitzel.

So wurde bei folgender Nachtaufnahme (ohne Stativ!) die Belichtung nur geschätzt.  Um genau zu sein, wurde die Blende voll geöffnet und die Belichtungszeit so gewählt, dass noch eine Chance bestand, nicht völlig zu verwackeln. Durch Anlehnen an eine Hauswand ist bei 1/15 sek. noch ein brauchbares Bild entstanden.

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Insgesamt erzeugt die Challenge sowohl ein große Motivation, etwas vorzeigbares abzuliefern, als auch die ständige Unsicherheit, ob man mit seinen Kameraeinstellungen nicht doch völlig daneben lag. („Wird eigentlich der Film richtig weiter transportiert?“, „Stand der Hebel jetzt gerade auf ‚Manuell‘ statt aus ‚Zeitautomatik‘?“)

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Letztendlich hat es dann fünf Wochen gedauert, bis Bild Nr. 36 im Kasten war, und ich den Film in die Patrone zurückspulen konnte. Wie sich später herausstellen sollte, war ich damit bisher der einzige, der das Zeitlimit fast eingehalten hat.

Entwickelt wurde der Film mit fiebrigen Händen und ein paar Schweißtropfen auf der Stirn im Barry Thornton Two Bath Developer. Nach dem ersten Blick auf den Negativstreifen stellte sich Erleichterung ein. Ich hatte tatsächlich 36 Frames mehr oder minder korrekt belichtet.

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Einige Bilder waren nicht wirklich scharf (wie folgende Aufnahme, die meine Tochter beim stilvollen „Abstieg“ von einem Zirkuspferd zeigt), einige belangloser als erhofft. Mit einer Handvoll Bildern war ich recht zufrieden. Keine Meisterwerke, aber auch nicht völlig daneben.

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Insgesamt war es eine sehr lehrreiche und inspirierende Erfahrung. Und nach getaner Arbeit konnte ich mich genüsslich zurücklehnen und auf die Resultate der anderen Teilnehmer warten.

Hinweis: Alle Negative wurden durch Abfotografieren (Sony NEX-6) digitalisiert. Es wurde nicht gecroppt. Außer Tonwertanpassung und Entstauben erfolgte keine elektronische Bildbearbeitung.

Alle Bilder der Filmrolle finden sich in diesem flickr-Album.

 

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1 Kommentar

  1. Karsten 11. April 2015

    Die Anregung von Stefan habe ich gerne aufgegriffen. Anlässlich einer Dienstreise nach Houston Texas zu Beginn dieses Jahres habe ich meine analoge Kamera, Minolta Dynax 3xi, und den Film eingepackt und mitgenommen.
    Die Suche nach Motiven war eigentlich nicht schwer, aber unser (mein) farbgewohntes Auge sieht oft Motive, die in S-W nicht so wirken oder sucht bewusst Motive, die schon schwarz-weiß Kontraste anbieten.
    Eine gute Schulung des genaueren Hinsehens ist in jedem Fall der Zwang auf jedes Foto sorgsam aufzupassen.
    Für mich eine insgesamt tolle Erfahrung die weiter vertieft wird und Dank an den Initiator.

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