Gedanken über Fotografie – Stefan Löber

G.A.S.-Opfer: Kurioser Therapieansatz macht Hoffnung

G.A.S. (gear acquisition syndrome – dt.: Ausrüstung-Anschaffungssyndrom AAS) ist eine ernsthafte Erkrankung, über die erstmals 1996 in Musikerkreisen berichtet wurde (hier der Originalartikel). Schnell breitete sich die hochinfektiöse Zwangsstörung auch im Fotografenumfeld aus.

Leitsymptome sind Dissatisfaktion, Novelty Seeking und Oniomanie mit erheblichen psychologischen, psychosozialen und sozio-ökonomischen Folgeerscheinungen. Zusätzliche Belastungen aufgrund des Rechtfertigungsdrucks im familiären und medialen Umfeld sind häufig die Folge. Differenzialdiagnostisch ist G.A.S. oft schwer von Systemwechselitis und Morbus Upgrade zu unterscheiden. Experten halten alle drei Formenkreise für Erscheinungsbilder der gleichen Grunderkrankung.

Insider gehen davon aus, dass ca. 25% der Hobbyfotografen von diesen Krankheitsbild betroffen sind. Unter Usern einschlägiger Fachforen im Internet soll die Prävalenz sogar bei über 50% liegen. Auch der Autor dieser Zeilen litt jahrelang unter dieser grausamen Erkrankung. Doch diese Leidenszeit ist vorbei. Eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Eigentherapie brachte den Heilungserfolg, der auch für die unzähligen anderen G.A.S. Opfer neue Hoffnung birgt.

Hierbei half dem Autor der Zufall. Nach vielen Jahren Beschäftigung mit digitaler Fotografie, fand ich zum Medium Film zurück. Beim Sortieren alter Negative erwachte die Faszination analoge Fotografie neu und damit der Wunsch, wieder mit alten manuellen Kameras zu arbeiten.

Der Schwiegervater war schnell zur Dauerleihgabe seiner bereits Staub ansetzenden Olympus OM2 und dem Zuiko Auto-S 50mm F1.4 überredet. Und bereits nach dem ersten verschossenen Film war klar, dass hier ein trockener Alkoholiker wieder zu seiner täglichen Droge gefunden hatte.

In der Folge blieb die schweineteure Digitalausrüstung wochenlang ungenutzt im Schrank liegen. Stattdessen kreisten die Gedanken mehr um die optimale Film-Entwickler Kombination. Als ich dann doch mal wieder ein Forum über digitale Fototechnik besuchte, kam die große Erleuchtung. Die dort thematisierten Fragen erschienen plötzlich völlig unbedeutend!!

Zahl der Autofokus-Messpunkte? Phase detection oder face detection? Wieviel unterschiedliche Farben können beim focus peaking gewählt werden? Auflösung des EVF? 8 oder 10 frames/sec im burst mode? Ist das Display klapp-, dreh- oder schwenkbar? Jpg oder Raw? Usability der Wifi-Funktion?

Ist doch alles völlig wurscht!! Meine „neue“ Kamera hat keinen Autofokus und der MF kein focus peaking. Ich sag nur: Schnittbildindikator! Frames per second? Naja, je nachdem wie schnell ich den Vorspulhebel betätige. Mehr als ein Bild pro Sekunde wird’s nicht sein. Hab’s aber noch nie ausprobiert, da meine minimale Bildfolgezeit so bei 30 sek. liegt. Und das Display? Welches Display?? Jpg oder Raw? Wie bitte?? Wifi-Funktion? Hä??

Schränkt mich der Verzicht auf sämtliche fototechnischen Errungenschaften der letzten 40 Jahre ein? So gut wie nicht. Ich fotografiere keine Sportevents. Und ich brauche die Bilder nicht nach wenigen Sekunden auf dem Smartphone.

Um auf das Thema zurück zu kommen. Da ich locker auf die Features der 2015er Modelle verzichten kann, werde ich die 2016er- und 2017er-Quantensprünge auch nicht mitmachen. Und die Sensorgrößendiskussion lässt mich absolut kalt. Es gibt keine Gründe mehr zum Upgrade, Systemwechsel oder was auch immer. Fühle mich daher von G.A.S. geheilt.

So, genug der Polemik! Muss noch schnell zum Fotoladen um die Ecke. Der hat eine schöne RB67 im Schaufenster. Das große Mittelformat wollte ich schon immer mal ausprobieren….

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